
Was gerade unter sprudelnder Kühlflüssigkeit in der CNC-Fertigung des Remagener Handwerksunternehmens „R & W Maschinenbau“ seine Geburtsstunde erlebt, soll einmal eine weite Reise antreten. „Handelsübliche“ Dimensionen spielen dann keine Rolle: Wird der Mond passiert, liegt das rund 600-fache der Strecke noch vor der Arbeit der Handwerker. Ziel ist der Mars.
Dem roten Planeten gehört seit jeher das Interesse der Menschheit. Wird über ein Leben „außerhalb“ der Erde nachgedacht, spielt der Heimatplanet der grünen Männchen eine Top-Rolle.
Auch in den Überlegungen von Professor Dr. Frank Kirchner und seinem Team dreht sich alles um den Mars. Acht Wissenschaftler und 12 Studenten forschen seit Jahren an einem Marsmobil. Auf der Suche nach dem Ideal haben sie die Natur bemüht. „Ist die Sonde mit einem Fahrzeug gelandet, steht keiner mit einer Fernbedienung da. Start, Flug und Landung sind hoch komplizierte Abläufe. Was uns auf dem Mars erwartet, lässt sich nicht vorausberechnen. Also muss unser Fahrzeug möglichst einfach im Aufbau sein.“ Folge: Man suche sich ein Tier, das ohne große intellektuelle Fähigkeiten möglichst alle Geländevariationen meistert. Das Interesse der Wissenschaftler richtete sich schnell auf den Skorpion.
Nach Forschungen am lebenden Objekt und Videoanalysen ging man daran, das Bewegungsmuster am Computer „nachzubauen“. Für die Umsetzung in handfeste Realitäten griff man auf die Fähigkeiten der Remagener Handwerker zurück.
Herbert Richarz (48) und Heinz Wilwerscheid (47), beide Maschinenbauermeister, stehen hinter dem 1982 gegründeten Unternehmen, das damals gerade einmal einen Lehrling beschäftigte. Heute gehören 22 Mitarbeiter, darunter 5 Handwerksmeister und zwei Lehrlinge, zum Team, das sich auf die Herstellung von Laborgeräten spezialisiert hat. Was immer wieder in den vergangenen Jahren die Hightech-Ausrüstung der Werkstatt verlässt, sind aber auch Bauteile für die Raumfahrt.
„Made in Germany“ ist für die Kunden des Unternehmens unersetzbar. Die Flexibilität und schnelle Umsetzung von Überlegungen in ein Produkt sind der Schlüssel des unternehmerischen Erfolges. Dabei spielt Gustav Frohn eine wichtige Rolle. Der 76-Jährige gelernte Werkzeugmacher hat über Jahrzehnte als leitender Ingenieur in der Autoindustrie gearbeitet, Werke namhafter Hersteller aufgebaut. Mit seinen EDV-Kenntnissen und Erfahrungen im Maschinenbau bringt er sich als freier Mitarbeiter ein. „Er holt die oft abstrakten Ideen der Wissenschaftler in die Wirklichkeit“, so Richarz.
So war es auch bei „Skorpion“ – so der Name des Marsmobils, das nicht, wie bei anderen Konzepten, mit Rädern oder Ketten ausgestattet ist, sondern mit acht Beinen. Die Anforderungen: Leicht muss es sein, hoch stabil, bei minus 150 Grad wie auch bei Plus 100 Grad arbeiten. Vollgestopft mit Elektronik, Sensorik, Motoren und schweren Batterien, soll es den Mars erkunden, in tiefe Krater absteigen und Felsformationen überwinden. Dabei haben Wissenschaftler wie auch Handwerker nur einen Versuch: Wenn nach der über 46 Mio. Kilometer langen Reise alles gut geht, muss die Arbeit eines Jahrzehnts von einer Sekunde zur anderen funktionieren.
Wann genau die Reise beginnt und ob die Allianz von Universität Bremen und R & W Maschinenbau, finanziell unterstützt durch die Auftraggeber ESA und Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), schließlich zum Zuge kommt, ist heute noch offen. „Doch die Chancen stehen gut“, so Professor Kirchner. Bis dahin muss „Skorpion“ noch zahlreiche Tests bestehen. Da wird gerüttelt, der tiefe Fall geprobt, wird „Skorpion“ hohen atmosphärischen Drücken ausgesetzt.
Sind die Tests erfolgreich, wird sich der Marsläufer in ca. 10 Jahren in kleinen Schritten über die fremde Welt arbeiten. Er wird keine Fahne aufstellen, nicht hüpfend sagen, dass seine vielen kleinen Schritte ein großer für die Menschheit ist und auch nicht die Heimreise antreten. Und doch werden Millionen von Menschen vor dem Fernseher sitzen und die Handwerksarbeit bei ihrer Mission begleiten.
Steckbrief: R & W Maschinenbau, Remagen
Entwicklung und Bau von Laborgeräten sowie Weltraumtechnik 22 Mitarbeiter 2 Lehrlinge